SCHAM-Lippen oder LUST-Lippen?

Frau von vorne mit Händen über ihrer Vulva Frau von vorne mit Händen über ihrer Vulva

Hast du dich schon mal gefragt, weshalb es Schamhügel und Schamlippen heisst, anstatt Lusthügel und Lustlippen?

Gar nicht aufgefallen? Na, das ist ja auch kein Wunder, denn wir benutzen in der Regel diejenigen Wörter, die man uns beigebracht hat.

Spielt eh keine Rolle? Oder etwa doch?

Wie wir etwas benennen hat Ursachen und kann sehr wohl auch Wirkung haben (auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind)!

Man könnte jetzt der Meinung sein, das seien halt alte Ausdrücke und in der heutigen, aufgeklärten Zeit, sei das doch ganz anders. Das Problem ist nur, dass wir Frauen trotzdem noch häufig eine sehr zwiespältige Beziehung zur Vulva, Muschi, oder wie sie sonst noch genannt wird, haben.

Schamhügel, Schamhaare, Schamlippen ...
ist das nicht etwas viel Scham?

Nicht wenige Frauen haben das Gefühl, „da unten“ nicht schön oder nicht richtig zu sein. Sie haben z. B. Angst nicht gut zu riechen. Und dass die Vulva schön aussehen und attraktiv sein soll, das kann doch wohl nur einer der grössten Irrtümer der Männer sein.

Wenn wir als Frauen mit solch einer Einstellung Sexualität mit einem Partner leben wollen, dann kann es echt schwierig werden. Wir schämen uns und haben Mühe, uns zu zeigen. Der entspannte und genussvolle Oralsex bleibt unter diesen Umständen definitiv auf der Strecke. Der Mann fragt sich dann, weshalb seine Partnerin nicht gerne oral verwöhnt wird, aber meist kann sie es ihm gar nicht erklären, denn sie spürt einfach nur, dass es ihr unangenehm ist und sie sich nicht entspannen kann.

Inzwischen sind wir sogar so weit, dass manche Frauen Schönheitsoperationen an der Vulva vornehmen lassen und wenn man bedenkt, wie gross das Leiden an einer vermeintlich unschönen Vulva sein kann, dann taucht auch Verständnis für solch eine drastische Massnahme auf.

Die wichtigste Frage wäre jedoch: Weshalb lieben viele Frauen ihre Vulva nicht einfach so, wie sie ist?

Vulva und Penis

Michelangelos David Ausschnitt HüfteIn der Kunst ist z. B. die Darstellung des Penis weit verbreitet (siehe links die Statue "David" von Michelangelo). Man spricht auch von Phallus-Symbolen und diese Symbole sind häufig Ausdruck von Kraft und Vitalität. Als Mann kann man zwar Mühe damit haben, dem gängigen "Penis-Ideal" nicht gerecht zu werden, aber der Penis wird grundsätzlich doch eher mit etwas Positivem assoziiert.

Die Darstellung einer Vulva hingegen (also ein wirklicher Blick zwischen die Beine einer Frau) findet man meist nur ...

... in der Pornografie

in der man wirklich Bilder zuhauf findet, was ja eigentlich positiv sein könnte. Nur haben viele Frauen keinen positiven Zugang zu Pornos und die meisten Pornos werden von Männern für Männer gemacht. Diese entsprechen dann häufig nicht den Bedürfnissen von Frauen. Hinzu kommen noch die Wertungen, welche z. T. in gewissen Pornos vermittelt werden (die Frau wird abschätzig behandelt, benutzt, etc.). Das "törnt" Frauen oft ab und sie können sich nicht auf eine positive Art und Weise identifizieren.

... in anderen Kulturen

in denen das weibliche Geschlecht noch verehrt wurde, als Quelle menschlichen Lebens und der Lust. Diese Quelle der Identifikation können aber die meisten Frauen nicht anzapfen, weil sie bewusst nach Informationen suchen müssten. Dies ist beim Phallus deutlich anders.

Abwertungen

Wenn du dir eine Liste machen würdest mit abschätzigen Ausdrücken, jeweils eine für den Penis und eine für die Vulva. Welche Liste wäre wohl länger?

Bei den meisten Menschen, die ich frage, ist die Liste für die Vulva länger - und zwar deutlich.

Das ist in etwa so, wie wenn ein Mensch dauernd hören muss, dass er dumm sei und es eh zu nichts bringe. Schlussendlich glaubt er daran.

Wie können wir Frauen glauben, unsere Vulva sei schön, wenn es so viele abwertende Ausdrücke für sie gibt?

Erziehung

Ein Beispiel (es gäbe vermutlich noch viele andere, die Frauen aus ihrer Kindheit erzählen könnten):

Wenn man als kleines Mädchen mit Röckchen vermittelt bekommt, dass man die Beine unbedingt zusammen halten soll und man nichts sehen darf, dann kann es sein, dass ohne Erklärung, warum man das machen soll, ein diffuses Gefühl zurück bleibt, etwas könne da ganz bestimmt zwischen den Beinen nicht in Ordnung sein!

Zusammen mit all dem anderen, bestätigt das dann den Eindruck, man sei "da unten" irgendwie nicht richtig.

Was bedeutet das alles letztendlich?

Wir Frauen haben in unserem Leben sehr wenige Möglichkeiten ein positives Bild von unserer Vulva zu bekommen.

Und Männer, vergesst nicht, dass wir sie, nicht wie ihr euren Penis, ja nicht mal direkt anschauen können, sondern einen Spiegel benötigen ;-).

Was tun?

Zuerst geht es darum sich überhaupt bewusst zu werden, dass all dies auf uns Frauen und auch auf die Art und Weise, wie wir unsere Sexualität leben, einen nicht unerheblichen Einfluss haben kann.

Und der noch viel wichtigere Schritt: Frauen, lernt eure Vulva wirklich zu lieben! Schaut sie euch im Spiegel an, malt sie, fotografiert sie.

Und ihr Männer könnt uns darin unterstützen, in dem ihr uns immer wieder sagt, dass ihr unsere Vulva schön findet und auch was ihr daran so liebt.

Muschelmuschi

Die Natur macht's vor

Und zum Abschluss noch eine sardische Miesmuschel, die doch einfach wunderbar zum Thema passt ;-)

 

 

Urheber und Quelle Fotos:
Miesmuschel: ©Nicole Strübin
Frau mit Händen vor dem Körper: ©SENTELLO 68448155 / fotalia.de
David von Michelangelo: ©Brad Pict 51339696 / fotalia.de

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